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Brummi aus Kinderperspektive

Weil Kinder unmittelbar und direkt Feedback geben können, schätze ich meine Live-Lesungen für junges Publikum sehr. Aufgrund der Körpersprache der Kinder kann ich sofort erkennen, wenn ich textlich zu sehr abschweife, detailverliebt in einer Beschreibung verweile, zu kompliziert in der Handlung manövriere oder wenn im Text ein störendes Fremdwort auftaucht. Das langweilt die Zuhörerschaft und plötzlich ist eine vorbeiziehende Wolke am Himmel oder eine Ablenkung beim Sitznachbar interessanter als Brummis Abenteuer.

Kecke Nachfragen erfrischen

Aber nicht nur nonverbal können mir die Kinder positive und negative Rückmeldung geben, auch witzige Nachfragen können meine Gedanken anregen, wie meine Brummi-Geschichten ankommen. „Was ist ein Fahrradwimpel?“, fragte mal ein Kind zwischendurch. „Warum kann ein Feldstecher die Augen kaputt machen?“, wollte ein anderes wissen, das besonders im September-Abenteuer mitfieberte.

An jenem Nachmittag kam eine wilde Kindergruppe von acht und neun Jahren an die Lesung. Die Kinderaugen wirkten irgendwie erschöpft, gesättigt vom langen Schultag und gleichzeitig neugierig, was diese Frau mit dem roten Bus auf dem Buchcover mit ihnen vorhat.

Brummi mit dem blinden Mädchen

Gerade beim September-Kapitel, das von einem blinden Mädchen handelt, das nach dem Verlust des Augenlichtes eine Abenteuerfahrt mit seinem Papa erleben darf und gleichzeitig Brummi vor ganz neue Herausforderungen der Sinneswahrnehmung stellt, sprudeln so viele Rückmeldungen aus den Kindern.

Ein Junge mit einer riesigen Zahnlücke fragte, ob ich die Gebärdensprache, äääääh, die Blindenschrift lesen könne. Der konsterniert-verzweifelte Blick eines Mädchens zeigte, dass es ganz und gar nicht mit dem Ende der Geschichte einverstanden war: Es hat gehofft, dass Leyla wieder das Augenlicht zurückbekommt. Das fehlende Happy End behagte ihm gar nicht. Seine Freundin äusserte sich entrüstet über den Schluss der Geschichten: Der Raubvogel, der sich auf das Kaninchen stürzt. Es ruft bestürzt in die Runde: „Wieso? Das arme Kaninchen! Kann Leyla es retten? Aber sie sieht es ja nicht! Der gemeine Vogel!“

Die böse Welt verschont nicht

Einem Jungen mit roten Segelohren fiel auf, dass sich der Raubvogel doch nur aus der Perspektive des Vaters auf das schutzlose Häschen stürzt, weil doch nur Erics Augen sehen können… Ein Mädchen mit Brille und Einhorn-Pullover kommentierte, dass es richtig sei: Zum guten Glück muss das blinde Mädchen den schnellen, schrecklichen Tod des Kaninchens nicht sehen. Das sei doch mindestens gut an der Blindheit.

Sehr sehr spannend für mich, auf alle Fälle. Ich möchte die Lesungen auch nicht missen, die mir mit den direkten Feedbacks der jungen Leserschaft so viel bringen.