Veröffentlicht am

Der Mann im Blaumann

Am vergangenen Wochenende bot ich wieder Lesungen an. Der Anlass dafür war ein schönes Fest von und mit Grundschulkindern, die in Feierlaune waren. In der neu eingerichteten Schulbibliothek hatten wir eine Leseecke für Brummi-Geschichten eingerichtet: farbige Matten, weiche Kissen, meine Globus-Leselampe.

Der Blaumann kommt

Schon trudelten die Kinder zur angekündigten Brummi-Lesung ein. Ich startete mit dem Februar Kapitel, weil die Zustimmung der Kinder riesig war, als ich nach der Lust auf Verbrecherjagd fragte. Am Ende der Geschichte kommt Brummi in eine Reparaturwerkstatt, wo ein Automechaniker im Blaumann Brummi wieder zusammenbauen kann.

Die Kinder saßen fokussiert und richtiggehend gefesselt im Halbkreis vor mir und hatten es offenbar noch nicht bemerkt, dass die Geschichte mit Happy End nun fertig war. Ich schaute in die Runde und „weckte“ sie mit der Frage, ob denn klar sei, was ein Blaumann sei.

Die Erklärung liegt auf der Hand

„Ja, sicher“, äußert sich ein älterer Junge, der vor allem ein Autogramm von mir haben wollte, weil dies seine Sammelleidenschaft sei. „Ein Mann in Blau.“ Er meinte es nicht etwa zum Spaß oder fühlte sich ertappt, weil er sich mit dem fremden Wort keinen Reim machen konnte. Nein, für ihn war es das Offensichtlichste und Logische der Welt.

Mir gefällt in der Kommunikation mit Kindern am meisten, dass sie ihre eigene Weltanschauung haben und sich Unverständliches ganz einfach erklären. Wenn in diesen fantasiereichen Brummi-Geschichten viele verrückte Abenteuer passieren wie ein überraschender Walsprung, eine gefährliche Flussüberquerung, ein heftiger Schneesturm, ein gruseliges Autoaufknacken etc., wieso soll da nicht plötzlich ein Mann in Blau auftauchen?

Wie absurd darf es sein?

Da stellt sich mir die Frage, inwiefern ich mich beim Geschichtenerzählen an die Realität halten soll. Kann im zweitletzten Satz einer Geschichte ein Mann in Blau auftauchen? Würde eine solche neue Erscheinung die Kinder nur irritieren? Oder könnte ich sie in der absurden Gedankenwelt der Fantasiegeschichten vielmehr abholen und ihre Denkmaschine anregen?

Mich persönlich stören Kindergeschichten, die allzu spirituell von einer Seelenmusik sprechen oder von Paradiesdüften die Rede ist. „Zu abstrakt!“ möchte ich dann rufen, wenn die detailreichen Beschreibungen oder nachvollziehbaren Realitätsbezüge fehlen. Aber das ist womöglich die Sicht von Erwachsenen…

Auf den Versuch kommt’s an

Losgelöst von einem festen Zeitfenster und geplanten Themen, sollte ich eigentlich dort anfangen, wo ich üblich aufhöre: an der Grenze zur Absurdität.

Ich werde das nächste Mal den braven Rahmen der Brummi-Lesung sprengen und die zuhörenden Kindern auffordern, die Geschichte weiterzuentwickeln. Wenn Brummi zur Reparaturwerkstatt gebracht wird und sich ein Mechaniker als „blauer Mann“ dem total verbeulten Camper nähert, gebe ich die Fantasie-Reise den Kindern ab. Was macht der blaue Mann mit dem Brummi? Wieso ist er blau? Wie kam es dazu, dass er nicht hellgrün oder pink ist?