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Der rauchende Camper

Ein uralter Camper stand in unserer Straße unten. Ein weißer Kasten, nicht zu viel und nicht zu wenig in Stand gehalten. Das Nummerschild deutete auf lokale Besitzer hin. Die Fenster waren blickdicht mit Vorhängen behangen. Kein Persönlichkeitsmerkmal auf dem Armaturenbrett oder im offenen Handschuhfach…

Der geheimnisvolle Unbekannte

Er war immer gleich geparkt und ließ überhaupt keine Spekulationen zu, wer ihn besaß. Je weniger ich darüber wusste, umso mehr kurbelte er meine Fantasie an, wenn ich an diesem alten Fahrzeug vorbeiging.

Gehörte er einem Rentnerpaar, das sich nun doch gegen alle Vorsätze häuslich niederließ und von ihrem Schneckenhaus auf Rädern absahen? Einem Jugendlichen, der gelegentlich sein Surfbrett aufs Dach des Campers schnallte und an einen windigen See fuhr? Einer Frau, die Hütedienst für alleingelassene Hunde anbot und entsprechend mit einer Meute Wildfängen ins Grüne fuhr?

Was und wer steckt hinter diesem Camper?

Ein erster Hinweis: Drogen

Einmal, als ich eilig an diesem geheimnisvollen Camper vorbeihastete, stieß mir ein markanter Geruch in die Nase: Marihuana! Als ich mich umblickte, woher diese Rauchwolke kam, bemerkte ich einen Schatten hinter dem alten Camper. Niemand stand offensichtlich dort, sondern versteckte sich vielmehr dahinter und rauchte genüsslich einen Joint!

Weil ich die Straßenbahn verpasst habe und einige Minuten in Sichtdistanz zum Camper warten musste, konnte ich das weitere Spektakel beobachten: Wenige Augenblicke später knallte die Tür und der Motor hustete schwerfällig. Nichts regte sich. Noch ein Versuch, der Motor klang nach einem chronischen Reizhusten, der nicht nachlässt. Erst nach dem dritten Versuch sprang der Motor richtig ab, ein klassischer Camper aus den 1970er Jahren, der originalgetreu gepflegt wurde. Es rasselte im Getriebe, der Motor heulte ruckartig auf.

Joint-Rauch und Diesel-Rauch

Endlich setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Es rasselte und ratterte vielversprechend. Wer wohl am Steuer saß? Bekifft – doch ein Surfer mit Sonnenbrille und Dreadlocks? Oder eine Hundelady, die sich mit ein paar Joint-Zügen Ruhe und Entspannung vor einem Ausflug mit fremden Wildfängen holte?

Eine rußige Dieselwolke ließ der Camper zurück, der beinahe auf der Zunge spürbar war. Statt „was für eine Dreckschleuder!“ zu schimpfen, schauten die Leute an der Straßenbahnhaltestelle anerkennend hinterher. Die roten Bremslichter blitzten kurz auf, man könnte sie als traurigen Abschiedwink auf Nimmerwiedersehen verstehen.